Peer Review gone wild

Gestern Abend bin ich in Fefes Blog über einen Zeitschriftenartikel mit dem Titel “We are sorry to inform you…” (Orginalquelle*) gestolpert. In dem Artikel geht es um Fälle in denen bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse von Reviewern total verkannt wurden.

Wissenschaftliche Artikel durchlaufen vor ihrer Veröffentlichung in einem Fachmagazin den Peer-Review-Prozess. Dabei wird der Artikel einem Peer, also einem “Ebenbürtigem” vorgelegt. Gemeint ist damit ein (vom Autor) unabhängiger Wissenschaftler mit dem gleichen Fachgebiet. Dieser prüft den Artikel dann unter verschiedenen Gesichtspunkten wie Originalität, Signifikanz und Plausibilität und spricht dem Herausgeber der Zeitschrift seine Empfehlung aus ob der Artikel veröffentlicht werden sollte.

How much damage could be caused by a peer reviewer having a bad day?

Diese Frage stellt der oben genannte Artikel und zeigt dazu negative Reviews von, in der Retrospektive, besonders bedeutenden wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Bereich Informatik.

Die meisten dieser Artikel sagen mir persönlich nichts. Dazu bin ich wohl zu wenig Informatiker. Aber auf zwei Artikel möchte ich hier doch näher eingehen.

Als erstes möchte ich kurz auf ein Review zu Alan Turings Artikel “On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem“, erschienen 1936 in Proceedings of the London Mathematical Society (Link*), eingehen. In dem Paper wird u.a. die Turingmaschine vorgestellt. Zum deren Sinn bemerkt der Reviewer kurz:

I strongly suspect the machine is too simple to be of any use.

Außerdem kann es ja nicht angehen, dass ein in einer britischen wissenschaftlichen Zeitschrift ein Artikel ein deutsches Wort im Titel trägt.

Turing should remember that the language of this journal is English and change the title accordingly.

Übrigens, der britische Staat und Turing hatten ein gespaltenes Verhältnis zueinander. Einerseits war er quasi ein Kriegsheld, weil er maßgeblich am Hack der Enigma beteiligt war. Andererseits wurde er wegen einer homosexuellen Beziehung von einem britischen Gericht verurteilt und bekam als “Therapie” seiner Homosexualität Östrogen verordnet wodurch ihm Brüste more info

wuchsen.

Das zweite Review das ich vorstellen möchte ist zu “A Mathematical Theory of Communication” von Claude E. Shannon, 1947 im Bell System Technical Journal veröffentlich (Link). Mit diesem Paper hat Shannon die Informationstheorie begründet indem er beschrieben hat, unter welchen Bedingungen ein von einem Sender kodiertes Signal am Empfänger fehlerfrei dekodierbar ist.

Der Reviewer verkennt in diesem Fall die Bedeutung der Idee, für eine technische Betrachtung die Semantik der zu übertragenden Nachricht zu ignorieren.

The author claims that “semantic aspects of communication are irrelevant to the engineering problems,” which seems to indicate that his theory is suitable mostly for transmitting gibberish.

Des weiteren bezweifelt der Reviewer die Bedeutung von diskreten Nachrichtenquellen. In einer vertraulichen Mitteilung an den Herausgeber bemerkt er dazu:

At any point, there are sexy topics and unsexy ones: these days, television is sexy and color television is even sexier. Discrete channels with a finite number of symbols are good for telegraphy, but telegraphy is 100 years old, hardly a good research topic.

Heute, im “digitalen Zeitalter”, in dem sich alles auf Bits und Bytes zu reduzieren scheint, wirkt eine solche Einschätzung natürlich abwegig. Wenn man sich allerdings in die späten 1940er Jahre hinein versetzt, als Fernsehen der letzte Schrei war, kann man schon in die Versuchung kommen, diese antiquierte Telegraphen-Technologie als Sackgasse zu betrachten. Dieses Beispiel sollte man vielleicht im Hinterkopf behalten wenn man über den Sinn von Grundlagenforschung nachdenkt.

Als Gag zum Abschluss noch ein Tipp, den der Reviewer den Leuten in den Bell Labs gibt:

IBM has decided to stay out of the electronic computing business, and this journal should probably do the same!

* Einige Links in diesem Artikel führen zu elektronischen Zeitschriftenarchiven für deren Inhalt man in der Regel bezahlen muss. Von einem Uni-Netzwerk aus kann man ggf. dennoch kostenlos auf diese Inhalte zugreifen, wenn die Hochschule bzw. eine angeschlossene Hochschulbibliothek dieses Zeitschriftenarchiv abonniert hat.

1 thought on “Peer Review gone wild”

  1. hey cool, Shannon ist mal ein Name, der mir was sagt… Systemtheorie, Kommunikation, Nachrichtenübermittlung, Sender/ Empfänger….

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